Ein wahrhaftiger Lichtblick in den grauen Winter brachte die Ausstellung „Stimme des Lichts – Delaunay, Apollinaire und der Orphismus“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Jetzt, wo der Frühling da ist, ist auch die Ausstellung beendet. Gestern war ihr letzter Öffnungstag. Unter dem Begriff Orphismus, der von Apollinaire in einem Aufsatz über die moderne abstrakte Kunst 1912 geprägt wurde, versammeln sich im dunklen Untergeschoss des Museums erhellende Werke von Künstlern, wie Sonja und Robert Delaunay, Marc Chagall, Paul

Öl auf Leinwand
Sonja Delaunay „Prismes èlectrique No. 41 (Elektrische Prismen Nr. 41)“ 1913 – 1914

Klee, August Macke, Wassily Kandinsky und noch vielen mehr. Farbenfroh wurde der Besuch beim herabsteigen ins „Kellergeschoss“ empfangen. Unterschiedliche Studien über das in Farbprismen gebrochene Licht rücken zunächst in den Mittelpunkt. Dabei stellen die Künstler in ihren Werken nicht nur die Lichtwirkung des natürlichen Lichtes von Sonne und Mond ins Zentrum, sondern auch das, des zu jener Zeit immer verbreiteterem künstlich hervorgerufenen Lichts. Die elektrische Beleuchtung in privaten und öffentlichen Raum ließ das Licht zu einem Symbol der Moderne werden und so auch zum Fokus einiger MalerInnen. Die Nacht konnte zum Tag gemacht werden. Die Straßenzüge waren so auch bei Dämmerung und im Dunkeln bevölkert. Sonja Delaunay und Paul Klee gehen diesem Nachtschwärmerischem Aspekt auf die Spur.

 

Eine besondere Auffassung im Orphismus stellte die Befreiung sowohl der Farbe als auch der Form, von ihren natürlichen Gegebenheiten dar. Die Farbwiedergabe wurde nicht länger am abzubildenden Objekt ausgerichtet, sondern an der inneren Wahrnehmung. Begleitet wurde die Loslösung der Farbe vom realen Gegenstand in der Malerei durch unterschiedliche Farbtheoretiker, die nachwiesen, dass die Wahrnehmung von Farbe ein individueller visueller Prozess ist, der eng mit einem Automatismus im Zusammenhang mit Komplementärfarben verbunden ist. Bei Robert Delaunay gipfelt diese Tatsache in Gemälden, die sich gänzlich vom Gegenständlichen gelöst haben.

Die Herangehensweise, wie mit Farbe und ihren Komplementärkontrasten experimentiert wurde, war unterschiedlich. Manchmal hing die Farbwahrnehmung stark mit Bewegung zusammen. Manchmal war sie intuitiver. So auch bei der Loslösung der Form von ihrer darstellenden Funktion. Die Ausstellung im WHM stellte klar František Kupka als Vorreiter der ungegenständlichen Kompositionen heraus. Der tschechische Maler, der in Paris lebte, distanzierte sich zwar von der dort lebenden avantgardistischen Kunstszene, dennoch spielt er eine zentrale Rolle, im Hinblick auf die Ablösung vom Gegenständlichen.

Der Kreis galt schlussendlich als endgültige Überwindung figürlicher Darstellungsweisen. Kein Wunder also, dass man in dieser Ausstellung auf verschiedene Kreisstudien traf und so selbst in Bewegung geriet, ob von rechts nach links zwischen den einzelnen Studien oder beim Betrachten einer Einzelnen, indem man mit den Augen die kreisenden Farbverläufe verfolgte. Was beinah etwas hypnotischen an sich hatte. Denn er, der Kreis, eine ausgeglichene geometrische Form, vermag am deutlichsten Bewegung zu symbolisieren! Licht wiederum vermag erst durch die permanente Bewegung von Farbe entstehen!

Delaunay geht davon aus, dass die Kontraste der Farbe zur Wahrnehmung simultaner Bewegung führen. Diese Ansicht über die visuelle Wahrnehmung des Menschen analysiert er z.B. in „Équipe de Cardiff (Mannschaft von Cardiff)“ von 1913. Dieses Werk weist eine Gleichzeitigkeit verschiedener Motive auf. In erster Linie erkennt der Betrachter die Gliederung des Bildes in verschieden farbige Vierecke, die auch in Größe und Form variieren. Um bei genauerer Analyse festzustellen, dass sich aus diesen geometrischen Formen Menschen, Sportler, Fußballer heraus kristallisieren. Zwei Mannschaften mitten im Spiel. Rundherum, um das Spielfeld des Stadions sind Werbebanner abgebildet und im Hintergrund deuten sich schemenhaft ein Riesenrad und der Eifelturm ab. Mehrere Aktionen sind simultan abgebildet und werden automatisch von der menschlichen physio-psychologischen Funktion der visuellen Wahrnehmung in Bewegung gesetzt.

 

Es scheint als stünde vor allem Paris mit ihren avantgardistischen Künstlern im Zentrum der orphistischen Bewegung. Doch das ist weit gefehlt. Auch die Avantgardebewegung in Deutschland durch Künstler wie Franz Marc und August Macke beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Farbe und geometrischen Formen (siehe Abbildung).

Auch die italienischen Avantgardekünstler, die Futuristen, waren der Auffassung, dass die Simultanität und die Wahrnehmung mehrerer Bewegungsabläufe eher ein Resultat moderner urbaner Lebenswelten war. In ihren Werken sie man am deutlichsten die Simultanität der Bewusstseinszustände. Hier im Museum zeugen Werken von Boccioni und Severini von den daraus resultierenden perspektivenreichen und vielschichtigen Kompositionen.

 

Die Ausstellung im Wilhelm Hack Museum zeigte einen wunderbaren Querschnitt des Orphismus mit Werken von Künstlern aus ganz Europa. Mit Bildsujets, die hauptsächlich aus dem neuen modernen, industriell geprägten, meist großstädtischem Leben entnommen wurden. Und setzte mit Bildern über das Phänomen und die Strahlkraft des Lichtes einen markanten Punkt in den trüben deutschen Wintermonaten.